Der perfekte Weihnachtsbaum

Der perfekte Weihnachtsbaum

oder wie Traditionen vererbt werden





Es ist bald wieder soweit, ein Baum muss her. So, wie in jedem Jahr. Auch meine Familie hat da ihre festgefahrenen Traditionen. Als ich ganz klein war, musste ich an Heilig Abend nach der Kirche immer in mein Zimmer und durfte erste ins Wohnzimmer, wenn das Glöckchen läutete. Und dann stand er da - dieser glänzende, leuchtende wundervolle Baum. Und damals gab es auch mehr Lametta....


Als ich älter wurde, war klar, dass der Baum doch nicht vom Christkind war, sondern manuell herbei geschafft wurde. 


Im Wald


Mein Vater fällte ihn im Wald - denn wenn wir eines haben, dann Bäume. Ich erinnere mich, dass wir an einem Weihnachten im Tiefschnee zusammen hinaus in den Wald sind, einen Tag vor Heilig Abend. Ich denke, ich war noch klein, jedenfalls fand ich, der Schnee war tief. Meine Mutter, nicht gerade die Größte, pflichtete mir bei.

Es war wirklich kalt und der Wind pfiff hohl durch die Bäume und der Himmel war bedeckt mit dunklen Schneewolken. Ich habe mir immer eingebildet, man könne es riechen, wenn es bald schneien würde.
Kennst ihr diese Waldwege, die von den schweren Holzmaschinen ganz tiefe Furchen haben? In diesen Furchen steht immer viel Wasser, welches im Winter gefriert. Dann fällt der Schnee auf das Eis und der Weg vor dir sieht aus wie eine ebene Fläche. Man kann darauf auch super schliddern.

Nun, mein Vater stapfte voraus, wohlweislich in der Mitte des Weges, auf der festen Erhebung zwischen den zu erahnenden Rillen und ich war hinter ihm in der Mitte, dann folgte meine Mutter.
Papa: "Los, kommt, es ist kalt und wird bald dunkel, beeilt euch mal ein wenig!"
Ich stapfte genau in Papas Fußspuren, denn der Schnee war viel zu tief.
Mama:  "Nicht so schnell, ich komme nicht mit!" Mama ging genau neben den Spuren, eher links auf dem Weg.
Es machte "Knack." Dann machte es "Matsch." Und Mama hing mit einem Bein in einer Fahrrille, deren Eis wohl noch nicht ganz fest war. Unter der dünnen Eisschicht war matschiges Wasser. Sie steckte bis über's Knie drin. Damals trugen die Frauen auch im Winter Röcke.....
Papa fand das blöd, zog Mama raus und wir stapften ungeachtet der Proteste vom hintersten Wandergruppenmitglied weiter durch die Kälte. Es begann zu schneien. Endlich kamen wir an einer Stelle an, an der es viele Tannenbäume gab. Große, kleine, dicke, dünne, mit einer Spitze und auch mit zwei.
Mama fand Bäume ab sofort echt schei..... und wollte heim. Es schneite nun doch schon ganz ordentlich. Ich half natürlich beim Aussuchen und nach einer dreiviertel Stunde hatten wir den passenden Baum gefunden. Mama schnatterte vor sich hin und konnte keine Kraftausdrücke mehr korrekt rausbringen. Wäre ja auch dieser heiligen Aufgabe nicht gerecht geworden.

Nach erfolgreicher Fällung trugen Papa und Mama den Baum heim. Naja, Papa zog vorne und Mama hing irgendwie schlotternd und fluchend hinten dran. Daheim angekommen, nahm Mama ein heißes Bad.


Geschmückt


Am nächsten Tag erstrahlte der Baum herrlich geschmückt und mit echten Kerzen im weihnachtlichen Glanz. Drunter lagen allerlei kleine Päckchen und Oma und Opa, die mit Haus lebten, waren ganz selig vor Freude. Mama war krank und es gab nur Würstchen, weil Mama im Bett lag. Aber es war trotzdem schön. Im Jahr darauf ist Papa dann mit dem Nachbarn losgezogen, Weihnachtsbäume holen.

Und natürlich wurde jeder Baum in jedem Jahr auf das genaueste studiert und bemängelt. Nach ein paar Likörchen, natürlich selbst aufgesetzt, wurde der Baum gelobt und für schön befunden - ja, jedes Jahr war er der schönste Baum, den wir je hatten.

Die Art zu schmücken variierte, je nach Trend und Mode. Mal mehr blau, mal rot, mal rot und Gold. Und Lametta wurde tendenziell immer weniger.


Beim Bauern


Nun bin ich die Mama und all die Jahre schleife ich meine Kinder zum Bauern mit den Weihnachtsbäumen bei uns im Ort, denn am Niederrhein, da sind die Dinge anders. Da kauft man Bäume und zwar beim Bauern. Und jedes Jahr ziehen meine beiden Profis los und striezeln durch all die aufgestellten Tannen. Es ist kalt und der Wind treibt die Schneekristalle hart in die Gesichter. Wir gehen zwischen den weihnachtlichen Gründeko-Objekten umher und können uns nicht entscheiden.

Tochter: "Der hier, der isses!"
Sohn: "Lass gucken, neee, zu klein. Ich will einen größeren."
Mutter: "Hm, der piekst, ich will einen ohne Pieksen."

Man schaut sich weiter um. Langsam wird es immer kälter und der Wind legt nochmal zu.

Sohn: "Nu aber, kommt mal schnell, hier is einer!"
Tochter: "Ah, na, naja, der hat aber da einen Knick!"
Mutter: "Und der piekst."

So kämpft man sich durch Knicke, Doppelspitzen, Pieksen, Seiten mit ohne Äste, zu dicke, zu dünne.....
Und dann, irgendwann, dann steht er da! Der ultimative diesjährige Baum! Man strömt zusammen, betrachtet ihn ausgiebig, stimmt einheitlich dafür und hat sofort Angst, dass ein anderer Käufer ihn vielleicht schnappen könnte, bevor der Bauer vorbei kommt, um den Baum einzutüten.


Wiederholungs-Schmücken


Zuhause wird er aufgestellt, die Weihnachts-CD wird eingelegt und die Beschmückung erfolgt gemeinschaftlich. Jeder hängt dran, was die Weihnachts-Kugel-Kisten hergeben. Ohne Lametta versteht sich. Seine königliche Hoheit, Sir Leo hilft, so gut er es kann, Katzen haben ja ein Faible besonders für hübsche Bändchen.

Unser Baum ist immer bunt, glitzernd, strahlend und wild. Und in jedem Jahr sind wir, wie früher meine Eltern und sicher auch deren Eltern der Meinung, das dieser, genau dieser, der schönste Baum überhaupt ist.

Und so wiederholt sich alles immer und immer wieder. Beruhigend, nicht wahr? Und so schön....

Eine wundervolle Adventszeit wünscht
Euer Gartenäffchen



Kommentare:

  1. Liebe Petra,
    ich mag Traditionen, vielleicht weil sie so vertraut sind. Diese tiefen, schneebedeckten Furchen im Wald kenne ich auch. Ich bin mal in eine mit meinem Mountainbike rein gefahren. Da ist doch glatt das halbe Vorderrad verschwunden.
    Wir haben uns irgendwann mal einen künstlichen Baum gekauft, seitdem fällt für uns das Weihnachtsbaum kaufen aus. Und wir sind zufrieden mit dem Baum, man sieht kaum einen Unterschied und er nadelt nicht.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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    1. Ich hab auch schon mal über einen künstlichen nachgedacht, aber bisher konnte ich mich nie durchringen. Mal sehen, wenn du sagst, der sieht gut aus, ich werde es in Erwägung ziehen :-)
      LG
      Petra

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  2. Finde es auch eine schöne Tradition. Leider wird es bei uns erstmal keine Bäume mehr geben, die Katze ist doch noch zu aufgezogen. Aber ich bewundere eben die Bäume bei Eltern und Schwiegereltern. Wünsche euch eine schöne Weihnachtszeit. lg Nadine von Nannis Welt

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    1. Bald, wenn deine Mietze etwas ruhiger ist, hast du bestimmt auch wieder einen Baum - mit Mietzendeko :-)
      LG
      Petra

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  3. Ein wirklich schöner Beitrag - oft sind solche Kindheitserinnerungen die schönsten :)
    Momentan findet auf meinem Blog eine Blogparade zum Thema Brauchtum und Tradition statt (https://altmuehltaltipps.wordpress.com/2016/10/24/brauchtum-und-tradition/) - vielleicht hast du ja Lust, mit deinem Beitrag dort teilzunehmen? :) Würde mich sehr freuen.
    Liebe Grüße und eine schöne Vorweihnachtszeit,
    Kerstin von Altmühltaltipps

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    1. Liebe Kerstin,

      ich war aktiv und hab mitgemacht, danke für die liebe Einladung! Auch dir und deinen Lieben eine schöne Adventszeit!

      LG
      Petra

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  4. Herrlich! Sehr erfrischend geschrieben! Meine Kindheitserinnerungen sind mit deinen nahezu deckungsgleich. Das Glöckchen höre ich heute noch 😃😃. Unser Baum wurde und wird seit jeher beim Händler 14 Tage vor Weihnachten gekauft. Dann steht er im Wassereimer, draußen auf der Terrasse. Geschmückt wird er auch von uns allen -ebenfalls sehr bunt. Wir lieben das Ritual sehr. Auch für dich eine schillernde Adventszeit! LG, Mia

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    1. Danke liebe Mia, dir und deinen Lieben auch eine glitzerige Zeit!
      LG
      Petra

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