Shop-o-kalypse NOW: Cortisol im MIDSEASON-SALE

ein Gastbeitrag von Frau Müller


Frau Müller war so nett und hat mir einen Beitrag da gelassen, danke dafür!
Frau Müller schreibt, wie jeder denkt - manchmal schräg, oft lustig und immer sehr intelligent. Eine so erfrischende Mischung aus Alltag, Meinung, Leben und natürlich Herrn Müller und den kleinen Müllers - klasse! 


Witzig dass Frau Müller Lehrerin ist - wenn die Kollegen wüssten......
Wenn ihr mehr von Frau Müller lesen möchtet (es lohnt sich!)

Frau Müllers Blog findest du: hier
Frau Müller bei Facebook findest du: hier



Shop-o-kalypse NOW: Cortisol im MIDSEASON-SALE

Unter meiner Mutterschaft hat nicht nur mein Beckenboden sondern auch die vielen Frauen naturgegebene Lust auf Shopping gelitten. Dabei sind die Gründe aus denen sich meine Abneigung gegen Kleider-Junk nährt nicht immer die Gleichen gewesen.
Zunächst einmal waren die Müller-Kinder nie eine gute Begleitung für ausgedehnte Einkaufstouren, was zunächst nichts Exotisches ist.
Wahrscheinlich hätte ich die zwei kleinen Müllers schon als Säuglinge an Kassengepiepse, stickige Luft und drängelnde Menschen gewöhnen müssen. Irgendwie beschränkte sich in dieser frühen Mama-Phase mein Interesse an Kleidung aber auf das, was man in Supermärkten während der Nahrungssuche zwischen den Lebensmitteln in den Grabbeltischen findet.
Zweimal wöchentlich wechselnde trendy It-Pieces – was will man beziehungsweise Frau mehr.  Hier konnte ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und beim Wocheneinkauf gleich noch neue Jogginghosen und T-Shirts erstehen. Wobei ich mir beim Schreiben gerade nicht sicher bin, welcher Aspekt der Angenehme und welcher der Nützliche ist.
Hätte ich in dieser Zeit die Saat schon ausgebracht und Einkaufszentren eben nicht gemieden wie Graf Dracula das Tageslicht, dann hätten die zarten Müller-Pflänzchen in der Folgezeit wohl nicht immer lange Gesichter gemacht wenn Mutter Müller doch mal wissen wollte, wie es jenseits der Schaufensterpuppen aussieht.
Aber ich hatte nun mal keine Lust meinen postschwangeren Körper samt Still-BH in Klamotten zu quetschen, die erstens zwei Nummern größer als prä Schwangerschaft waren und zweitens ohnehin zu Schrankleichen werden würden. Weil: wer bitte interessiert sich auf dem Spielplatz oder in der Krabbelgruppe für meinen Look? (Außer mein Kind selbst – dem reichte es allerdings schon wenn es mit möglichst wenigen Handgriffen an eine Brust kam).
Zumindest war das damals so. Heute kann man das Trendbewusstsein junger Mütter wahrscheinlich weniger leicht wegignorieren. Ein oder zwei Versuche und vor der Umkleide stand ein schwitzender Herr Müller, der wild am Kiwa-Griff wackelt weil ein quengelnder Mini-Müller die Muttermilch in meinen Stilleinlagen wittert. Das Ding war also durch.
Und das Ding blieb durch. Es ist wohl so eine Art „Posttraumatische Belastungsstörung“. Wenn ich heute in einen Laden gehe,  habe ich auch wenn ich ganz alleine unterwegs bin immer das Gefühl dass irgendwo jemand augenrollend auf mich wartet. Und schon das Gequengel fremder Kinder schüttet bei mir Hormone aus, die in mir nicht mehr den Milchspende- sondern den Fluchtreflex hervorrufen.
Wie auch immer, Frau Müller und der Einzelhandel, das wird wohl nichts mehr. Über diese unterbewussten Abwehrreaktionen hinaus bringen mich aber auch ganz bewusst wahrgenommene Fehler in der Passung zwischen mir und den Ladenketten dazu, um das Ganze einen großen Bogen zu machen.
Da sind diese ganzen furchtbar hippen Verkäuferinnen. Junge, vermutlich kinderlose Frauen in Skinny-Jeans Größe 0, die mit ihren geglätteten Haaren in Ombrè aussehen als wären sie direkt aus einer Fotostrecke gefallen. Der Job zwischen Kasse und Kleiderständer ist „FUN“ und Ausgleich zum echt harten Model-Business. Kein Stirnglanz, keine abstehenden Haare. Kein Schweiß.
Und dann dieses unsägliche „Du“ überall. Ich meine, kennen wir uns irgendwo her? Höchstens aus dem Klassenzimmer, wie ihr gefühltes Alter vermuten lässt. Die Nähe die durch dieses bescheuerte Geduze zwischen Kundin und Verkäuferin wahrscheinlich entstehen soll wurde schon durch die Taillenweite ihrer Jeans unüberbrückbar.
Dazu ich, die versucht sich in eins von diesen Skinny-Teilen zu manövrieren. Selbstverständlich nicht Größe 0. Dennoch mit Beinen, die so schmal geschnitten sind, dass selbst meine Arme stecken bleiben wenn ich versuche das Teil von Links zurück zu drehen.
Das muss ich nämlich nachdem mir Herr Müller die Hose ausgezogen hat, während ich die Füße hochhaltend auf dem Höckerchen in der Umkleide sitze und nicht mehr in der Lage bin mich nach unten zu beugen.
Hat man eine Hose in Größe „Zweifache Mutter und nicht essgestört“ gefunden, sind die Beine von dem Teil so lang, dass man ohne weiteres noch knielange Shorts für die Kinder aus dem Zuviel an Stoff herstellen könnte. Und das alles nur beim Kauf einer Hose.
Über Oberteile die in der Damenabteilung angeboten werden, für die jedoch die Proportionen einer Elfjährigen zum Erstellen der Schnittmuster gedient haben, versuche ich mich an dieser Stelle weitgehend auszuschweigen. Nur so viel: Liebe Mode-Industrie, ich habe mit Mitte 30 nicht mehr das Bedürfnis der Welt meinen Bauchnabel zu zeigen. Dennoch verfüge ich jetzt über eine Oberweite, die es gilt auch auf Grund der Bauchnabelsache ansehnlich in Szene zu setzen. Und damit meine ich NICHT aufspringende Knöpfe im Brustbereich. Danke.
Es ist nicht so als hätte ich es nicht versucht. Meine erste und einzige Erfahrung beim hochgehypten Billigklamottenriesen mit dem großen „P“ im Anlaut endete zirka zwei Meter hinter dem Eingangsbereich nachdem ich auf Klamotten in Häufen und Plastik-Einkaufswägelchen stieß.
Klamotten im Einkaufswagen (nicht dem Virtuellen!)? Das war wie damals beim Discounter, nur da war wenigstens noch eine Tüte drum und das Teil war ordentlich gefaltet. Ich fühlte mich sofort in diese Stilleinlagen-Zeit zurückgebeamt. Es ist einfach unpassend. Kleidung in Einkaufswagen. Das ist als richtet man Salat in einer Gugelhupfform an. Kann man theoretisch machen. Gehört sich aber einfach nicht. Und auf Häufen liegen bei mir Klamotten nur, wenn sie schmutzig sind und ich keine Lust zu waschen oder länger nicht in die Kinderzimmer der Müllers geschaut habe.
Die restlichen Argumente sind eher ein persönliches Problem, das man dem Einzelhandel nicht zur Last legen kann. Die Lust an schöner Kleidung ist zurückgekehrt als die Größe der Handtasche sich parallel zu meinem Hintern verringert hat, weil keine Feuchttücher und Windeln mehr rein passen mussten. Mein Geschmack ist mit den Jahren aber speziell geworden. Im „Alter“ wird man ja bekanntlich bei vielen Dingen anspruchsvoller. Ich bin ziemlich festgelegt was meinen Look angeht UND bekennender Online-Shopper aus Leidenschaft. Diese Art einzukaufen verbindet für mich gleich mehrere Vorteile.
Zum einen kann ich einkaufen wann immer ich will, also auch wenn die Kinder schlafen oder wenn ich nach sechs Stunden am Stück in meiner Klasse das dringende Bedürfnis habe mich selbst zu belohnen ohne dabei den Tod durch Kalorienüberschuss zu sterben.
Zum anderen kann ich alles Bestellte in Ruhe probieren ohne mich mit snapchatenden Teenagern um eine ein Quadratmeter große Legebatterie zum Anprobieren zu streiten.
Ich kann zu Hause in aller Ruhe kombinieren, meinen neuen Look gleich in mehreren Spiegeln sowie unterschiedlichen Lichtverhältnissen begutachten und wenn nötig eine Million Selfies an Freunde verschicken um mir Meinungen einzuholen.
Schuhe und Hosen werden ein bisschen probegetragen und neue BHs dem Hüpf- und Bücktest bei Körpertemperatur unterzogen. Das vermeidet auf Dauer ungemein viele Fehlkäufe.
Während ich früher als Teenager überglücklich beladen wie ein Sherpa die Ladenstraße verlassen habe übernimmt das heute der Postbote für mich. Endorphinspiegel steigt währen ich das Packband mit dem Küchenmesser aufschlitzte.  Wunderbar.
Ich behaupte ich fühle mich wie der Pfau in der Entenschar wenn sich fremde Menschen um mich herum prüfend vor einem Spiegel hin und her drehen und im Hintergrund Martina an die Kasse im Obergeschoss gerufen wird. Das hat weniger mit einem besonders exzentrischen Kleidungsstil noch mit übersteigertem Selbstbewusstsein zu tun. Es ist schlicht und ergreifend das Gefühl von Deplatziertheit. Ich könnte auch sagen: die Kokosnuss im Laubhaufen. Oder der BH im Plastik-Einkaufswägelchen.       
Im Übrigen meide ich nicht nur den textilen Einzelhandel. Beim Möbelschweden steigt mein Cortisol-Spiegel wenn mich zu viele Schwangere im Nestbau-Modus umgeben. Und die Durchsage „Liebe Eltern“ nach dem vertrauten Gong veranlasst mich auch heute noch dazu sofort das Potpourri in die Sofakissen zu werfen und gegen den Strom Richtung Kinderparadies zu spurten, obwohl die beiden kleinen Müllers mittlerweile zu alt für das Bällebad sind.

Vielen Dank liebe Frau Müller!!!!
Wenn es euch gefallen hat, Frau Müller ist immer so!
Immer....geht sie einfach besuchen!!

1 Kommentar:

  1. Sehr erfrischend :-D. Manchmal muss ich auch kichern, wenn ich so als Kinderlose in der Stadt die gestressten Mamas sehe ;-p. Da bin ich um meine Freiheit hat auch oftmals froh. Wenn ich dann selbst in der Umkleidekabine stehe, weiß ich aber auch, warum ich es nicht so mag, im Laden einzukaufen. Warum immer diese vielen Spiegel?! Und die Beleuchtung erst?! Mir ist dann immer viel zu heiß und gefallen tue ich mich auch nicht in den Klamotten, also gehe ich nach Hause. Oder um die Ecke in den Buchladen... lg Nadine von Nannis Welt

    AntwortenLöschen